18. Oktober 2016

"Kinder können sich nicht mehr unterordnen"

Es droht uns eine Generation entwicklungsgestörter Kinder, die nur noch nach dem Lustprinzip funktionieren, warnt der umstrittene Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff.

"Viele Eltern lassen sich vom Kind steuern", Beobachter 14.10. Interview mit Michael Winterhoff von Birthe Homann und Tanja Polli



Beobachter: Kindergarten-Lehr­personen in der Schweiz klagen über ­eine immer grössere Zahl verhaltens­auffälliger Kinder. Was ist los?

Michael Winterhoff: Bevor wir über die Kinder sprechen, müssen wir uns die Erwachsenen anschauen. Sie sind in den allermeisten Fällen der Grund dafür, dass Kinder auffällig werden. Ich erlebe in meiner Praxis immer mehr Eltern, die ihre Kinder wie kleine Erwachsene behandeln, die mit ihnen in einer Symbiose leben und nicht mehr fähig sind, das Verhalten des Kindes kritisch zu hinterfragen. Das geschieht ohne böse Absicht, führt aber dazu, dass ich immer mehr Kinder sehe, die emotional und sozial auf dem Entwicklungsstand eines 16-monatigen Kleinkinds stehengeblieben sind.

Beobachter: Das müssen Sie uns aber jetzt erklären.

Winterhoff: Sehen Sie unsere aktuelle Situation an: Wir führen gerade ein Interview. Dabei ist völlig egal, ob ich jetzt Durst habe, Hunger oder Lust. Ich muss mich konzentrieren, meine Bedürfnisse zurückstellen und mich auf Sie einstellen. Damit mir das gelingt, brauche ich eine emotional entwickelte Psyche. Bis Mitte der neunziger Jahre habe ich kaum Kinder erlebt, die das im Schulalter nicht konnten. Das hat sich in den letzten Jahren dramatisch ge­ändert. Immer mehr Kinder sind auch als Fünfjährige nicht fähig, sich in ­eine Gruppe einzufügen und Anfor­derungen zu erfüllen, die von aussen gestellt werden. Aber genau das verlangen der Kindergarten, die Schule und später das Arbeitsleben.

Beobachter: Daher hat bereits mehr als die Hälfte der deutschen ­Jugendlichen Mühe, den Übertritt ins Arbeitsleben zu schaffen, schreiben Sie. Wie kommen Sie auf ­diesen hohen Wert?

Winterhoff: Die Zahlen habe ich von Ausbildnern, aus der Industrie sowie von Lehrerinnen und Lehrern. Die Schweiz hinkt in dieser Entwicklung noch etwas nach. Aber auch dort beklagen sich immer mehr Lehrpersonen und Ausbildner, dass Kinder und Jugendliche oft nicht teamfähig sind, keinerlei Frustrations­toleranz haben und wenig leistungs­fähig sind. Das hat nichts damit zu tun, dass diese jungen Menschen nicht intelligent sind oder unerzogen, sondern damit, dass sie sich nicht altersgerecht entwickeln konnten.

Beobachter: Was heisst das genau?

Winterhoff: Am besten würden Sie das verstehen, wenn Sie sich vor eine Primarschulklasse stellen und einen einfachen Auftrag erteilen müssten, zum Beispiel: «Holt das Deutschbuch raus und schlagt Seite 7 auf.» Sie würden Kinder erleben, die schulreif sind und den Auftrag selbstverständlich ausführen. Aber auch viele, die Sie zwingen, den Auftrag doppelt und dreifach zu geben, die mit Ihnen diskutieren wollen oder so leicht abzulenken sind, dass sie den Auftrag gleich wieder vergessen.

Beobachter: War das nicht schon immer so? Hat es nicht schon immer schlecht erzogene Kinder gegeben, denen man ­alles ­20-mal sagen musste?

Winterhoff: Das ist eine weitverbreitete Falsch­annahme. Die Persönlichkeitsentwicklung hat mit dem Erziehungsstil nichts zu tun. Ich wurde 1955 geboren. Als ich Kind war, herrschte die Vorstellung, ein Kind müsse parieren, die Eltern bestimmten, und der Lehrer hatte immer recht. Laut den Verfechtern des heute populären partnerschaftlichen Erziehungsstils wäre meine Genera­tion ein Haufen psychisch labiler Versager. Tatsache ist, dass die meisten meiner Generation erfolgreiche Mitglieder der Gesellschaft wurden, dass sie umsichtig und lebenstüchtig sind. Es ist also nicht in erster Linie der ­Erziehungsstil, der die Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst. Was es braucht, ist die Gegenwart von Erwachsenen, die in sich ruhen und ein echtes Gegenüber sind – welche Ideologie sie vertreten, ist zweitrangig.

Beobachter: Wollen Sie damit sagen, dass die ­heutigen Eltern nicht in sich ruhen?

Winterhoff: Solche Erwachsene können Sie doch zunehmend suchen gehen – vor allem in den Städten. Spazieren Sie durch ­eine Einkaufsgasse und schauen Sie sich die Gesichter an: gehetzt, genervt, erschöpft oder depressiv. Wenn Sie ­einen sehen, der strahlt und fröhlich wirkt, denken Sie gleich: Hat der was?

Beobachter: Das hat was. Und woran liegt das?

Winterhoff: Wir sind von der digitalen Revolution überrollt worden. Durch die stete Erreichbarkeit, die Flut schlechter Nachrichten befinden wir uns im permanenten Katastrophenmodus. Wir sind bei jedem Unglück auf der Welt live mit dabei. Das überfordert die Psyche, diffuse Ängste, ein Gefühl der Ohnmacht entstehen. Aber der Mensch braucht eine Perspektive, er muss ­einen Sinn sehen im Leben. Lange Zeit war der einfach da, wir lebten in einer aufstrebenden Gesellschaft, die Sinnfrage stellte sich gar nicht – man ging davon aus, dass es automatisch besser werden würde. Das ist vorbei.

Beobachter: Was hat das mit den Kindern zu tun?

Winterhoff: Immer mehr Eltern füllen die entstandene Leere in sich mit dem Glück des Kindes. Das Kind springt in die Lücke, wird zum Lebenssinn. Man fühlt für das Kind, freut sich für das Kind, geht für das Kind zur Schule, leidet für das Kind. Diese psychische Verschmelzung ist den Eltern nicht bewusst, hat aber fatale Folgen fürs Kind.

Beobachter: Was meinen Sie damit?

Winterhoff: Wenn Eltern das Kind als Teil von sich erleben, sind sie ihm kein echtes Gegenüber mehr. Aber genau das braucht die Psyche, um sich zu entwickeln. Ich erkläre das am Körpermodell: Wenn ich das Kind als einen Teil von mir wahrnehme, etwa als meinen Arm, stelle ich seine Impulse nicht in Frage – wenn der juckt, muss ich kratzen, wenn er schmerzt, muss ich ihn halten. Sobald Eltern in dieser Symbiose sind, können sie das Verhalten ihres Kindes nicht mehr kritisch hinterfragen. Sie reagieren nur noch: Wenn das Kind eine Strafaufgabe bekommt und wütend ist, sind sie es auch. Bei einer schlechten Note des Kindes leidet ihr Selbstvertrauen. Auch zu etwas Nein zu sagen geht dann nur schwer. Wenn ich etwas verbiete, ist das Kind unglücklich – und damit auch ich.

Beobachter: Von Lehrpersonen haben wir gehört, dass Eltern nichts durchsetzen, weil sie um jeden Preis geliebt werden wollen.

Winterhoff: Das Rad hat sich bereits weitergedreht. Wenn ich vom Kind unbedingt geliebt werden will, erlebe ich es noch als ­eigenständiges Wesen. Die Sym­biose ist sozusagen die unglückliche Fortsetzung dieser Geschichte. Ich ­sehe immer mehr Mütter und Väter, die sich aus der Sicht des Kindes wie ein Gegenstand verhalten.

Beobachter: Ein Gegenstand?

Winterhoff: Hier schliesst sich der Kreis: Die Unterscheidung zwischen Gegenständen und Menschen ist zentral für die emotionale Entwicklung eines Kindes. Ein einjähriges Kind krabbelt in der Praxis rum und versucht, alles zu ertasten. ­Irgendwann klopft es auf den Oberschenkel der Mutter. Bis vor rund 20 Jahren nahm die das Kind automatisch zur Seite, sorgte dafür, dass die Klopferei aufhört, weil das beim ­Gespräch stört. Das Kind lernt so, dass es einen Unterschied gibt zwischen ­Menschen und Dingen. Heute erlebe ich Eltern, die sich vom Kind steuern ­lassen. Wenn das Kind klopfen will, unterbrechen sie das Gespräch, wenn es ein Spielzeug will, stehen sie sofort auf und holen es. Fürs Kind bedeutet das: Die Welt besteht aus Gegenständen, über die ich verfügen kann.

Beobachter: Und das führt also zu Jugendlichen, die sich Lehrern nicht unterordnen können?

Winterhoff: Genau. Diese Kinder bewegen sich im Lustbereich, alles dreht sich um sie. Trotz guter Erziehung haben sie kein Unrechtsbewusstsein und Schwierigkeiten, sich ins Gegenüber einzufühlen. Wenn etwas nicht wie geplant läuft, sehen sie sich als Opfer.



Beobachter: Was kann man denn tun?

Winterhoff: Erst müssen wir die Problematik erkennen. Dann braucht es Investitionen im Bildungswesen. Eine tragende Beziehung zu einer Lehrerin, einem Lehrer kann vieles zurechtrücken, was daheim falsch läuft. Kinder brauchen Führung und tragende Beziehungen.

Beobachter: Zurück zum guten alten Klassenlehrer?

Winterhoff: Auch wenn das jetzt nicht gut ankommt: Kinder brauchen keine Lern­theke, wo sie ihre Arbeitsblätter holen können, sie brauchen kein selbst­gesteuertes Lernen – sondern eine Lehrperson, an der sie sich reiben und messen können. Kinder brauchen An­leitung, Begleitung, Herausforderung und Regeln. Aber die symbiotischen Eltern haben die Schule ja schon so weit demontiert, dass es heisst: keine Hausaufgaben, keine Schreibschrift, keine Noten, weniger Anforderungen.

Beobachter: Dann soll also die Schule richten, was die Eltern verbockt haben?

Winterhoff: Das Problem ist, dass die Eltern die Symbiose nicht erkennen, da sie selber drinstecken. Sie kommen zu mir und sagen: «Mein Kind ist normal, aber die Schule macht Probleme.» Sie wollen ­eine Diagnose, die erklärt, warum das Kind in der Schule nicht mitkommt. Oder dass ich das Kind so weit heile, dass Ruhe einkehrt. Ich versuche, ­ihnen die gesamtgesellschaftliche Komponente der Problematik zu zeigen. Ihnen bewusst zu machen, wie getrieben wir alle sind. Ob das Handy klingelt, die Mail reinkommt oder das Kind schreit – der Erwachsene bedient reflexartig. Bevor ich mit einer Therapie beginne, muss ich die Eltern in ­einen Zustand bringen, in dem sie sich selber wieder spüren und das Kind als eigenständiges Wesen sehen.

Beobachter: Wie machen Sie das?

Winterhoff: Ich schicke Mutter oder Vater auf
einen Waldspaziergang. Allein. Mindestens fünf Stunden lang ohne ­Handy. Im Wald gibts keine Ablenkung, man kann nicht produktiv sein. Wer seit Jahren im Hamsterrad ist, ­leidet. Nach drei, vier Stunden im Wald ist man wieder in dem Zustand, der für unsere Eltern normal war.

Beobachter: Das klingt jetzt sehr simpel.

Winterhoff: Mag sein, aber solange die Eltern
keine Methode haben, zu sich zurückzufinden, bringt eine Therapie nichts. Erst wenn sie sich wieder spüren, kann ich ihnen die Situationen vor Augen führen, die sie mit dem Kind erleben. Dann sehen sie vielleicht, dass sich das Kind auch ihnen gegenüber re­spektlos benimmt.

Beobachter: Viele Eltern wollen kein Kind, das einfach macht, was man ihm sagt. Im Gegenteil, sie möchten es zu einem kritischen ­Menschen erziehen.

Winterhoff: Das klingt gut, und bei einem Kleinkind findet man es vielleicht noch ­lustig, dass es immer wieder fragt, was es bereits weiss, sich nicht einfügt oder frech ist. Wenn das Kind das mit 16 immer noch tut, werfen es ihm die ­Eltern vor. Doch ein Kind benimmt sich nicht einfach irgendwann mal. Man muss es ihm beibringen.

Beobachter: Wie reagieren Eltern auf Ihre nicht eben schmeichelhaften Erklärungen?

Winterhoff: Die 50 Prozent der Jugendlichen, die Schwierigkeiten haben, den Schritt in den Beruf zu machen, kommen in Massnahmen rein, Berufsfindungskurse, aber auch das nützt nichts. Auf Dauer werden das Sozialhilfeempfänger, oder sie liegen den Eltern auf der Tasche, auch mit 30 noch. Das sind doch keine Perspektiven, das sehen auch die Eltern, die zu mir kommen.

Beobachter: Ziemlich pessimistisch.

Winterhoff: Ich bin Optimist, der Mensch tut nicht ewig, was ihm schadet. Früher oder später werden wir merken, dass wir unseren Umgang mit den digitalen Medien ändern müssen, wenn wir unseren Kindern die Chance geben wollen, erfolgreich und lebenstüchtig zu werden. Wenn wir unseren Kindern ein echtes Gegenüber sind, entwickeln sie sich wieder vernünftig.

Michael Winterhoff, 61, ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Bonn. Der Deutsche ist Vater von zwei er­wach­senen Kindern. Seine Bücher «Warum unsere Kinder Tyrannen werden», «SOS Kinderseele» und «Mythos Überforderung» sind Bestseller.

2 Kommentare:

  1. Vielleicht sollte man die Bildungsbürokraten auch in den Wald schicken. Jeden allein, 5 Stunden pro Tag. Und dann sollen sie etwas nützliches tun, damit sie das Geld wert sind, das sie verdienen. Z.B. könnten sie den Jugendlichen etwas beibringen, was sie selber in der Schule noch lernen durften.

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  2. Erziehung kann man nicht den Politikern überlassen. Die beste Erziehung kann nur zu Hause geleistet werden. Es geht auch nicht darum, den Eltern irgendeine Schuld zuzuschieben, weil sie den schwierigsten Beruf der Welt nicht gelernt haben und dabei Fehler machen. Auch Fachleute scheitern oft bei den eigenen Kindern.
    Es geht viel mehr darum, Fehler zu erkennen, aus Fehlern zu lernen und wo Fehler gemacht wurden, korrigierend einzugreifen. Es ist nie zu spät und Eltern haben sehr viel in der Hand. Die psychischen Eigenschaften des Menschen entwickeln sich in der gegenseitigen Auseinandersetzung mit den Beziehungspersonen, sie werden nie vererbt.

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