12. März 2018

Spielerisches Raufen und Kämpfen ist Teil des Lehrplans 21

Im Zimmer ist es mucksmäuschenstill. Dort, wo die Kinder sonst friedlich im Morgenkreis sitzen, schreiten zwei Kinder langsam in die Mitte des mit Klebband umrissenen Feldes. Sie verbeugen sich voreinander, schauen sich in die Augen mit den Worten: «Ich kämpfe mit dir und ich achte dich.» Die Klasse zählt auf drei – und der Kampf beginnt. Ein Kind ist als Reporter im Einsatz und kommentiert das Ringen. Erlaubt ist alles, was nicht wehtut. Der Rest der Klasse sieht fasziniert zu und fiebert mit. Nach kurzer Zeit steht der Sieger fest: Der kleine Schüler hat seinen grösseren Kampfpartner mit einem Trick aus dem Feld gestossen.
Schüler sollen im Unterricht kämpfen, 20 Minuten, 12.5.

Kämpfe im Schulzimmer, wie die Zeitung «Bildung Schweiz» einen davon schildert, sind für die Zweitklässler der Schule am Wasser in Zürich normal. «Kämpfen ist ein Mittel, um eine Klasse zusammenzuführen», ist Primarlehrerin Marion Wagner überzeugt. Entweder am Anfang oder am Ende des Unterrichts ringen ihre Schüler miteinander. Jeweils während dreier Monate führt sie die rund 15-minütigen Kämpfe täglich durch. «Merke ich, dass die Schüler Bewegung brauchen, lasse ich sie auch ausserhalb dieses Projekts im Unterricht kämpfen.»

«In Schülern steckten viele Aggressionen»
Wagner schickt ihre Schützlinge bereits seit zehn Jahren im Klassenzimmer in den Ring. «Auf dem Pausenplatz bemerkte ich, dass in den Schülern oft viele Aggressionen stecken», sagt Wagner. Schnell hätten sich die Jungen geprügelt, während die Mädchen weinend über die Schlägereien geklagt hätten. «Haben sie hingegen die Möglichkeit, miteinander zu ringen, ohne dass ein Streit vorliegt, setzen sie sich sowohl körperlich als auch geistig mit ihrem Gegenüber auseinander.» Dies führe zu mehr gegenseitigem Respekt.
Laut Wagner tendierte ihre aktuelle Klasse anfangs zu einer Problemklasse. «Auch die Kollegen haben festgestellt, dass sich die Schüler mittlerweile aber toll entwickelt haben.» Ein positives Echo erhielt sie zudem von den Eltern. «Ihre Kinder fühlen sich im Klassenverband sehr wohl.» Wagner schreibt dies unter anderem den Kämpfen zu. Mädchen kommen dabei nicht zu kurz. Laut Wagner raufen auch sie sich gerne. «Es ist ein Klischee, dass nur Jungen Freude am Kämpfen haben.» Zum Mitmachen gezwungen werde selbstverständlich niemand.

«Eltern schreiten sofort ein»
Psychologen sehen in den Schülerkämpfen grosses Potenzial. «Kinder haben heute kaum mehr die Möglichkeit, frei herumzubalgen, weil die Eltern sofort einschreiten», sagt Jugendgewalt-Experte Allan Guggenbühl. Gebe ihnen die Schule bewusst Zeit für das Kräftemessen, lernten sie, mit ihren Aggressionen umzugehen und ihre Grenzen zu kennen. «Fehlen ihnen solche Erfahrungen, können Streitereien grausam ausarten.»
Gerade Lehrpersonen mit Klassen, in denen Gewalt regelmässig ein Thema ist, würde Guggenbühl solche Kämpfe empfehlen. Auch die weniger kampflustigen Mädchen profitierten von den Übungen. «Sie lernen dann etwa, dass Kratzen, Spucken und Haarereissen keine Lösung sind.»

«Es ist traurig»
Die Raufereien im Schulzimmer greifen dem Lehrplan 21 vor, der im August in der Deutschschweiz umgesetzt wird. Laut Beat A. Schwendimann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, kann es an Schulen immer wieder zu verschiedenen Formen von Gewalt kommen. Er macht darauf aufmerksam, dass spielerisches Raufen und Kämpfen auch Teil des Lehrplans 21 ist.

Bürgerliche Bildungspolitiker würden den Raufereien sofort ein Ende setzen. Sie sei sprachlos, sagt Nadja Pieren, Bildungspolitikerin (SVP) und Leiterin einer Kita. «Es ist traurig. Unsere Gesellschaft ist an einem absoluten Tiefpunkt angelangt – jetzt müssen Kinder im Unterricht lernen, wie man miteinander umgeht.» Es sei Aufgabe der Eltern, ihren Kindern den sozialen Umgang und gegenseitigen Respekt beizubringen. «Und wollen Kinder spielerisch miteinander kämpfen, müssen sie dies nicht in Begleitung einer Lehrperson tun.» Bestehe in einer Lektion übrige Zeit, sollten Lehrer diese nutzen, um «richtigen Schulstoff» spielerisch zu üben.



Kommentare:

  1. Kontrolliertes Raufen in der Schule

    Durch spielerisches Raufen und Kämpfen lernen die Schüler laut Lehrplan 21, vorgegebene Regeln und Rituale einzuhalten und das Gegenüber zu achten. «Durch kontrolliertes Raufen bieten sich Gelegenheiten, den Umgang mit Emotionen zu thematisieren, die Konfliktfähigkeit zu verbessern und Aspekte des Fairplay einzubringen».

    Beat A. Schwendimann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, betont, dass das freiwillige Kampfspiel das gegenseitige Einverständnis der beteiligten Lernenden und die Unterstützung der Eltern benötigt.
    Quelle: 20 Minuten

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  2. Friedliches Miteinander ohne Gewalt:
    Die Dampfkochtopf-Theorie (Katharsis) von Sigmund Freud ist aus dem letzten Jahrhundert und längst widerlegt. Aggression wird nicht irgendwo gespeichert und kann dann raus gelassen werden. Agressive Gefühle werden bei Kampfspielen/sport erst erzeugt und gesteigert statt abgebaut. Aggressivität ist bei gewissen Sportarten, wie beim Fussball sogar erwünscht, weil das offenbar zum Siegen verhelfen soll. Mit kämpfen und Gewalt kann keine Klasse zusammen geführt werden, weil es immer Sieger und Verlierer gibt. Das geht nur im ruhigen, gemeinsamen Gespräch und im friedlichen Miteinander.

    Laut Bandura (1979) zeigen Untersuchungen, dass kathartische Therapien - in deren Verlauf Aggressionstriebe sich entladen sollen, indem die Patienten sich aggressiv verhalten - unbeabsichtigt aggressive Tendenzen verstärken können. Im Gegensatz dazu verhelfen Behandlungen im Bereich des sozialen Lernens, die sich als erfolgreich herausgestellt haben, den Patienten gleich von Anfang an, effektivere Methoden zu erwerben, um mit sozialen Problemen fertig zu werden, so dass sie schliesslich weniger haben, worüber sie wütend werden können.

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